Oder auf einem Turm unter Bäumen zu sitzen

in Lucca, Toskana, in Italien steht ein Turm. Kein gewöhlicher Turm, sondern einer, der von Bäumen bewachsen ist. Der Torre Guinigi und seine Bäume sind Teil der jahrhundertealten Geschichte Lucca’s und das strahlen sie auch aus. Aber Lucca’s historische Vergangenheit begegnet uns auf Schritt und Tritt …

Mmmh … War das gut! Nachdem ich mein Ciabatta bis auf den letzten Krümel genossen habe, bin ich wieder fit und erholt für die nächsten Highlights von Lucca … Lauschige Plätze, Kunstgeschichtliche Unikate und ein ganz besonderer Aussichtspunkt – das eigentliche Markenzeichen von Lucca warten auf mich … Highlights: Kirche San Michele in Foro, Geburtshaus von Giacomo Puccini, Piazza Napoleone und Palazzo Ducale, die Kathedrale San Martino und der “Volto Santo”, und der Torre Guinigi mit seinen Steineichen…

Bist auch du bereit für einen weiteren Spaziergang durch Lucca? Wenn du auch einen ganz besonderen Turm erleben möchtest, komm mit mir zur nächsten Reise im Kopf zum Torre Guinigi! (am besten mit Kopfhörern). Die Geschichte zum mitlesen und die Fotos findest du darunter ⇓

Links zu den verwendeten Musik- und Tonaufnahmen: http://audiyou.de Musik “Famous Moments Medley” und “Paris – Spread your Wings” von Markus Hildebrandt mit freundlicher Genehmigung
Die Kirche San Michele in Foro auf dem gleichnamigen Platz – der noch immer die Form eines röm. Forums hat

Die Kirche San Michele in Foro, zu deren Füssen ich sitze, ist so prächtig und filigran gestaltet, dass sie eigentlich von ihrer äußeren Optik her der Dom sein müsste. Ist sie aber nicht … St. Michael auf dem Forum ist trotz ihrer Pracht und reichen Formenvielfalt der Schaufassade „nur“ die zweitwichtigste Kirche in Lucca. Im Inneren sind gerade zahllose Techniker am Werken und bereiten die Technik für ein Abendkonzert vor. Daher – kein Einlass für mich.

Schade eigentlich …

Die aufwändig gestaltete Fassade ist eine Pracht für sich

Also schlendere ich weiter, auf dem Weg Richtung Dom mache ich aber ein paar Abstecher, einmal links, einmal rechts – weil mir die Gassen so gut gefallen. Ein Stückchen weiter öffnen sich die Gassen zu einem rundum von Häusern abgeschlossenen Platz, und da sitzt er, der Meister der großen Opern persönlich: Giacomo Puccini. Seine Bronzestatue steht vor seinem Geburtshaus am Corte San Lorenzo, in dem er seine Kindheit verbrachte und in dem nun ein Museum über seine Familie und sein Leben untergebracht ist. Puccini war lange Zeit kein geliebter Sohn Luccas, die Ernennung zum Domorgelmeister, wie es sein Vater war, wurde ihm verwehrt. Warum Puccini eine so schwierige Beziehung zu seiner Heimatstadt Lucca hatte? Dazu mehr im Beitrag: Il mio nome: Puccini – la mia citta: Lucca

Mio nome: Puccini. Mia città: Lucca

 

Ein Turm mit grünen Wuscheln…

Auf dem Weg zu besagtem Dom fällt mir immer wieder ein Turm auf, der viele Dächer überragt und seltsam aussieht. Von unten wirkt es, als als hätte er eine Haube aus grünen Wuscheln auf. Ja, wirklich! Es hört sich vielleicht seltsam an, aber aus der Ferne sieht man nur ein grünes Blättergewirr über den Dächern herausragen …

Und wieder der Turm mit Wuscheln … Einfach unübersehbar!

Mein Rundgang führt mich weiter über die Piazza Napoleone vor dem Palazzo Ducale, dem ehemaligen Herzogspalast und jetzigen Regierungssitz der Provinz Lucca. Der bekanntere Name des Platzes, Piazza Grande, ist die treffendere Beschreibung, denn der Platz ist riesig. Schließlich stand hier im 14. Jahrhundert die Festung Augusta. Heute ist die Piazza Napoleone von mächtigen Platanen umsäumt, Straßencafés und Holzbänke laden zum Verweilen ein und die große, freie Fläche ist für Veranstaltungen und Konzerte wie geschaffen. Heute herrscht buntes und reges Markttreiben, Stände mit Kunsthandwerk und Deko-Artikeln, aber auch mit alltäglichen Gebrauchsgegenständen und Lebensmitteln für den Wocheneinkauf der Bewohner. Im Sommer finden auch große Konzerte internationaler Stars statt, mit dieser Kulisse muss das wirklich ein Erlebnis sein.

Piazza Napoleone oder Piazza Grande? Egal, beides ist für diesen riesigen Platz vor dem Palazzo Ducale passend
Der Weg zum Dom führt auch an anderen Kirchen vorbei …

Nachdem ich ein wenig über den Platz vorbei an den Marktständen weiter durch die Gassen bummle, stehe ich bald vor der Kathedrale San Martino, dem wahren Dom von Lucca. Seine prächtige Fassade wurde nach dem Vorbild von Pisa gestaltet, der Campanile ist zweifarbig (unten braun und oben weiß) und das Innere mit beeindruckenden Deckengemälden ausgeschmückt.

Der Duomo von Lucca: San Martino – Sein braun-weißer Turm ist unverkennbar und die Fassade ist nach dem Vorbild des Doms von Pisa gestaltet
Wunderschöne Deckengemälde

Aber das Besondere Heiligtum des Domes ist der „Volto Santo“, das „heilige Antlitz“ – das im Hochmittelalter geschaffene Holzkruzifix stellt Jesus als Triumphator dar und war bereits im Mittelalter eines der wichtigsten Pilgerziele, da es als Reliquiar für Teile des Kreuzesstamms, der Dornenkrone und des Gewandes Jesu dient. Ich stehe vor dem achteckigen kleinen Tempel, der den „Volto Santo“ gebührend würdigt und auch beschützt. Schließlich wurde die Kathedrale eigens dafür gebaut, das Kreuz angemessen zu beherbergen. Ich stelle mir vor, wie bereits im 8. Jahrhundert der Volto Santo nach Lucca kam und bei der großen Prozession jedes Jahr im Mai durch die Gassen getragen wurde. Kaum vorstellbar ist jedoch, dass das Heilige Antlitz bereits von Nicodemus, einem Zeitgenossen von Jesus, geschaffen worden sein soll. Aber wenn ich so vor dem Heiligtum stehe, wäre es eigentlich schön, wenn manche Legenden wahr sein würden …

Der Volto Santo in seinem Tempel
Das Heiligtum von Lucca seit dem 8. Jahrhundert

Nach der Besichtigung des Domes beschließe ich, mir diesen Turm mit Wuscheln genauer anzusehen. Der Torre Guinigi wurde von der gleichnamigen Familie, wie damals bei wohlhabenden Familien als Zeichen des Reichtums üblich, als Wohnturm zu den angrenzenden Wohnhäusern und Palazzos gebaut und genauso sieht auch das Treppenhaus aus. Das ist kein finsterer , schmaler, knarrender Stiegenaufgang wie sonst bei Wachtürmen sondern eine breite gemauerte Treppe. Der Turm ist aus Stein und Ziegel erbaut, die Stufen sind breit und von angenehmer Höhe und die Mauern sind immer wieder von Lichtschächten und Fenstern durchbrochen. Sehr angenehm für mich blindes Huhn mit Höhenangst … Nachdem ich bei immerhin 230 Stufen doch ab und an ein Päuschen vertrage, nutze ich die Verschnaufpausen zum Bewundern der zahlreichen Wanddekorationen. Wappen, Gemälde, Fahnen … Nur die letzten Stufen ganz oben sind schwieriger zu bewältigen, sie sind aus Metall und steiler und schmaler als die Treppen.

So sieht der Turm mit Wuscheln von unten aus :o)

Aber als ich schließlich in fast 45 Metern Höhe meinen Kopf aus der Luke des Ausgangs recke, weiß ich sofort, warum sich der Aufstieg auf jeden Fall gelohnt hätte (auch wenn das Treppenhaus nicht so bequem und spannend gewesen wäre). Der Anblick ist einfach sagenhaft!!!

Die Bäume vom Torre Guinigi – uralte Steineichen

Uralte, knorrige Steineichen wiegen ihre Blätter im Wind. Ihre Äste wachsen über den Rand des Turms hinaus und ihre Wurzeln krallen sich in trockene, sandige Erde in gemauerten Trögen, um die herum und in der Mitte hindurch der Weg verläuft. Am Rand setze ich mich bequem auf die Einfassung der Bäume, genieße das Rauschen der Blätter über mir, das Zwitschern der Vögel, die Lichtspiele der Sonnenstrahlen, die durch die Blätter fallen, und natürlich die umwerfende Aussicht.

Jetzt ist mir klar, warum Lucca auch die „Stadt der 99 Kirchen“ genannt wird. Soviele sind es zwar nicht mehr, aber trotzdem ragen noch zahlreiche Kirchtürme aus dem Dächergewirr. Was muss das erst im Mittelalter für ein Anblick gewesen sein? Im frühen 14. Jahrhundert gab es in Lucca mehr als 250 solcher Wohntürme und zahlreiche weitere Glockentürme der Kirchen. Später wurden die meisten davon abgerissen oder anderweitig zerstört, der Torre Guinigi ist der einzige Wohnturm, der Lucca erhalten blieb. Dafür strahlen die verbliebenen Kirchtürme mit der sich zum Untergehen neigenden Sonne um die Wette. Direkt gegenüber erkenne ich deutlich die große Glocke des Torre delle Ore, ein Stückchen weiter den weiss-braunen Turm des Doms St. Martin.

Genau gegenüber – der Torre delle Ore und seine Glocke
Der Dom St. Martin und die Dächer der Stadt liegen mir zu Füßen

Die roten Ziegeldächer der Häuser breiten sich wie ein gewellter Teppich unter mir aus, alle getaucht in goldenes, weiches Licht, eingerahmt von einem grünen Band, der bepflanzten Stadtmauer. Dahinter wirken die sanften Hügelketten wie einem Gemälde entsprungen, bauschige Wolken sammeln sich an manchen Hängen ohne den sonst strahlend blauen Himmel zu trüben.

Die bepflanzte Stadtmauer umgibt wie ein grüner Ring die Altstadt
Das goldene Licht der untergehenden Sonne – traumhaft!
Wie Wattebauschen sammeln sich manche Wolken an den Hängen der grünen Hügel

Die Steineichen, unter denen ich so gemütlich sitze, wurden als Zeichen der Wiedergeburt gepflanzt, als ein weithin sichtbares Signal, dass sich die Familie Guinigi nicht unterkriegen lässt und immer wieder von Neuem beginnt zu wachsen, wie Bäume es im Laufe der Jahreszeiten und der vergehenden Jahrhunderte tun. Und diese Bäume stehen noch immer hier…

Sie warten geduldig und beständig, lassen die Sonnenstrahlen durch ihre Rinde in ihren Stamm dringen und ihr Inneres wärmen. Und ich? Ich fange hier oben die Sonnenstrahlen ein und bin – glücklich!

“Glück ist wie ein Sonnenstrahl. Willst du ihn einfangen, so schaffst du es nicht. 

Doch wenn du geduldig wartest, dann wärmt er dich durch deine Haut bis auf die Knochen – und hält dein Innerstes dauerhaft warm” (Freyja Thorulfsdottir, deutsche Lyrikerin und Aphoristikerin)

Schön, dass du da bist! Danke fürs zuhören / lesen! 

Warst du schon einmal in Lucca? Welchen Eindruck hast du durch meine Geschichte von Lucca gewonnen? Ich freue mich auf deinen Kommentar!

Ich wünsche dir viele schöne Erlebnisse, Bis zur nächsten “Reise im Kopf” von Travel sounds… Komm mit mir  …

Wenn dir meine Audio Reise Geschichten gefallen, fühle ich mich sehr geehrt!  Flattr this   und andere Möglichkeiten wie du meine Idee unterstützen kannst: “Support my idea”

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